Es sind die kleinen großen Fortschritte, die uns hier glücklich machen. (Stand Mai 2015)


Tessi ist jetzt seit gut einem halben Jahr wieder bei uns und bisher meine größte Herausforderung hier. Sie hatte zwischenzeitlich gut eineinhalb Jahre bei einem kinderlosen Paar gelebt, die mit ihr erfolglos gearbeitet hatten. Zwei Hundetrainer hatten an Tessi gearbeitet, viele Einzelstunden und Tränen später haben wir im November 2014 gemeinsam entschieden, dass Tessi zurückkommt. Ich möchte hier betonen, dass ich den Haltern keinen Vorwurf mache, sie haben sich Hilfe gesucht und ihr Bestes gegeben. Es sollte nicht sein.



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Tessis Frustrationslevel lag bei Null, als sie hier ankam. Außerdem biss sie blitzschnell zu, sobald es ihr zu eng wurde oder sie sich angemacht fühlte. Und das passierte häufig, da sie insgesamt sehr unsicher war und wir hier natürlich auch einen recht wuseligen Betrieb mit vielen Hunden in der Gruppe haben. Wann immer sie sich auch von mir gegängelt fühlte, griff sie an. Ihre Vorwarnzeiten waren extrem kurz, direkt nach einem kurzen Fletschen gings nach vorne. Das war sehr anstrengend, zumal neben meiner Sicherheit ja auch die der anderen Hunde gewährleistet bleiben muss. Jegliche Form von Aggressivität (sei es verbal oder auch körperlich) beantwortet Tessi mit massiver Eskalation. Ein "Zurück" ist in ihrem Bauplan nicht vorgesehen. Maßregelungen begreift sie nur als Angriff. Umlenkung und Loben auch kleinster Fortschritte ist also die Devise. Für jemanden wie mich, der nicht ausschließlich lässig und entspannt mit guter Laune und positiv motivierend unterwegs ist, sondern auch mal laut wird und auch mal muffig ist, eine harte Lehre.



Um Tessi jederzeit händeln zu können und aus prickeligen Situationen wie Enge oder Gefahr nehmen zu können, trägt sie häufig eine Zweimeterleine, so dass ich deren Ende aufnehmen oder aufs Ende treten kann, ohne direkt mit ihr in Konflikt zu geraten. Das hat uns beiden die Sache deutlich erleichtert und gibt Tessi die Sicherheit, dass ihr selbst nichts passiert. Sie hat leider in frühester Jugend einen Faible für Lichtreflexe und Schattenjagen entwickelt. Und weil sie hoch intelligent ist, weiß sie auch, dass sie diese Spiegelungen selbst beeinflussen kann, indem sie z.B. Türen bewegt, deren Türdrücker irgendwo die Sonne reflektieren, oder die Terrassentür, in deren Scheibe sich die Sonne spiegelt und deren Sprossen dann ein tanzendes Muster an der Wohnzimmerwand verursache. Umlenkung funktioniert bisher bedingt, da sie Quietscheschweinchen und Leckerchen zwar kurze Zeit zu schätzen weiß, aber die lassen sich so schnell erjagen, die Schatten sind da eine schickere Herausforderung (so zumindest meine Deutung, denn nach Möglichkeit kehrt sie zu den Schatten nach einiger Zeit zurück). Managementmaßnahmen, die Spiegelungen möglichst ausschließen, helfen nur bedingt, da sie nicht überall und immer wirken können (z.B. im Auto).


Autofahren war anfangs mit Höchststress für alle Seiten verbunden, denn Tessi kläffte unablässig mehr als aufgeregt und versuchte, vorbeisausende Schatten zu jagen oder Lichtreflexe im Auto. Wir haben dann begonnen, Tessi bei jeder möglichen kurzen Autofahrt mitzunehmen und auch extra mit ihr zu üben und kurze Touren zu feinen Gassistrecken zu absolvieren. Langsames Fahren half ihr. Also bin ich langsam täglich einige Kilometer über Land gefahren. Bis Tempo 80 war nach einiger Zeit alles ganz gut für sie, Radio durfte nur leise laufen und sanftes Bremsen und Anfahren waren wichtig. Nach vier Monaten hatten wir den Stand erreicht, dass nach kurzer Anfangsaufregung Ruhe einkehrte und sie im Sitzen interessiert guckend, aber leise die Fahrt verbrachte. Dann kam vor vier Wochen unsere große Tour nach Niedersachsen, 250 km am Stück. Und Tessi meisterte sowohl Hin- als auch Rückfahrt bravourös. Danach hatte ich hier viel Arbeit und wenig Zeit und bei der nächsten Autofahrt nach einer Woche konnte ich wieder eine leichte Verschlechterung wahrnehmen, ganz sicher ist Tessi also noch nicht, aber wir sind auf einem guten Weg.


Anfangs war ich nicht sicher, wie ich das Alleinebleiben mit den anderen Hunden händeln sollte und so testete ich, Tessi mit zwei entspannten Hunden (August und Harry) im Küchen/Flurbereich zu lassen, wenn ich mal alleine oder mit anderen Hunden weg musste. Das funktionierte sofort hervorragend, Tessi hüpfte auf einen Stuhl vorm Fenster und guckte, wenn ich losfuhr, legte sich dann schlafen auf dem Stuhl und war auch entspannt bei meiner Rückkehr. Mittlerweile weiß sie, was kommt, wenn ich sie in die Küche bringe und ihr sage, sie soll auf ihren Platz gehen, dass ich losfahren möchte. Auch Handlungen wie das Aufnehmen des Autoschlüssels weiß sie natürlich genau einzuordnen und fragt mich dann per Blickkontakt, ob sie mitkommt oder ob sie auf ihren Stuhl hüpfen soll. Als ich recht kurz nach ihrer Ankunft mal mehrere Stunden außer Haus musste und sie nicht mit konnte, ließ ich mich von meiner Unsicherheit verleiten, eine große Gitterbos im Flur aufzustellen. Solange die Tür offen stand, fand Tessi die auch ganz nett und fraß die Leckerchen darin. Als ich aber die Tür schließen wollte, ließ sie einen Laut hören, den ich noch nie von einem Hund gehört hatte. Es war wie das Weinen eines Kleinkindes, herzzerreißend. Das war so erschütternd für mich, dass ich die Tür sofort öffnete, sie frei mit den anderen Hunden in den Küchen/Flurbereich ließ und alles war prima. Hier hab ich deutlich gelernt, dass ich sie unterschätzt hatte, dass sie durchaus in der Lage war, das Geübte auch länger durchzuhalten und ich im Gegenteil ihr Vertrauen massiv erschüttert hätte, hätte ich sie in diese blöde Box gesperrt, eine Situation, die sie bei den zwischenzeitlichen Haltern offensichtlich zu fürchten gelernt hatte.


Eine ganze Zeitlang hat Tessi jetzt nachts mit zwei anderen Hunden in der Küche geschlafen, weil es in der großen Gruppe im Wohnzimmer immer wieder zu Stress kam, denn Tessi ist ein "gelber Hund", der ein wenig mehr Abstand um sich herum benötigt. Vor kurzem nun hatte sie tagsüber einen kleinen epileptischen Anfall, so dass ich das Gefühl hatte, sie lieber auch nachts in der unmittelbaren Nähe zu wissen (zum Wohnzimmer gibt es von meiner Schlafecke aus keine Tür, sondern lediglich einen Durchgang). Tessi hat ihre Gelegenheit genutzt und schläft jetzt auf dem großen Stuhl vorm Buffet, friedlich, ohne Gezicke. Oder sie ruschelt sich ganz viele Kissen und Decken in einer der großen Kudden zurecht. Das ist ordentlich Arbeit, bis alles richtig sortiert ist. Wir lassen sie dabei ganz in Ruhe und danach schläft sie selig ein. Auch morgens bleibt alles friedlich, wenn alle um mich herumhüpfen, um als erstes den Tag zu begrüßen.



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Wie man sieht, waren wir noch nicht beim Profi zum Trimmen. Wir üben hier zuhause nach wie vor, dass Fellzupfen nichts Schlimmes ist. Ich möchte Tessis Vertrauen nicht erschüttern, indem ich einen Maulkorb draufsetze und einfach loslege. Wir üben Büschel für Büschel, auch wenn das lange dauert. Solange sie freundlich guckt, zupfe ich und lobe sie ausdauernd.



Tessi ist sehr kläffig und mit einem wirklich nervtötendem Organ ausgestattet. Wenn sie sich also nicht genug beachtet fühlt, kann es auch mal sein, dass sie wild kläffend um einen herumhüpft oder Unsinn macht, von dem sie genau weiß, dass es nicht gerne gesehen wird und dass ich dann irgendwie reagiere, frei nach dem Motto "Hauptsache, sie beachtet mich jetzt"..Und auch hier gibt es eine Veränderung zu bemerken. Auch wenn ich mich damit nicht mit Ruhm bekleckere, manchmal schaff ichs einfach nicht, dann poltere ich sie doch mal in so einer Situation an. Zu Beginn unserer Zusammenarbeit hier ging sie dann strikt auf mich los. Danach kam eine Zeit des Drohens. Und vor ein paar Tagen ließ sie dann prompt die Öhrchen hängen und lief mit hängender Rute und offensichtlich geknickt in die Küche und legte sich auf ihren Stuhl. Trotz allem entspannt ein solches Verhalten natürlich ungemein die Situation und ich kann ihr dann auch innerlich nochmal ein Stück sanfter begegnen. Sie weiß jetzt, dass ihr nichts passiert, sie muss sich nicht mehr verteidigen und diese Kläffereien treten nicht mehr stündlich, sondern höchstens einmal täglich auf.


Ich bin kein ausgebildeter Hundetrainer und sicher in vielen Situationen nicht klar genug in meiner Körpersprache, handele nicht immer konsequent. Aber, wir sind ein gutes Stück weiter als am Anfang. Tessis Vertrauen wächst und sie hat viele schöne Erlebnisse durch entspannte Spaziergänge im Wald und am Elbstrand, Autofahren ist mittlerweile eine schöne kleine Abwechslung für sie.


Stand November 2015


Mit ein wenig Abstand habe ich die oberen Zeilen gelesen und muss zugeben, so ein bisschen stolz bin ich mittlerweile auf das, was wir schon geschafft haben.



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Tessi ist mittlerweile noch einen Ticken ruhiger geworden, die letzte Attacke liegt schon weit über ein halbes Jahr zurück und offensichtlich tut ihr die Ruhe auch gut, denn bisher toi, toi, toi hatte sie keinen weiteren epileptischen Anfall. Tessi ist nach wie vor hibbelig und schnell aufgeregt, aber sie wittert nicht mehr sofort Angriff, wenn etwas nicht nach ihrer Nase läuft.



Morgens ist sie jetzt schon sehr entspannt mit den anderen Hunden im Garten und Stall unterwegs, während ich die Pferde versorge. Früher rannte sie dann schnell ins Haus zum Lichterjagen (sie weiß genau, wann ich woanders beschäftigt bin :-) , jetzt genießt sie das Herumpusseln mit den anderen.


Manchmal lächele ich jetzt still im Auto vor mich hin, wenn sie sich bereits nach kurzer Kläfferei direkt hinsetzt und die Fahrt genießt. Sie liebt es, aus dem Fenster zu gucken und die vorbeiziehende Landschaft zu betrachten. Nach wie vor klappt das super bis ca. Tempo 80, danach wird es ihr wohl zu schnell das ist dann nicht mehr so ihr Ding.


Tessi liebt meinen Sohn Arne. Wann immer er zuhause ist, genießt sie seine Einzelzuwendung, schläft ansonsten nachts mit der großen Gruppe im Wohnbereich entweder auf dem Sofa oder in einer der Kudden. Draußen in der Heide ist sie nach wie vor mit Schleppleine unterwegs, da spüre ich sie oft gar nicht.

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Hier hat mir Detlev mit seinen Tipps nochmal sehr weitergeholfen im Sommer. Oft merkt sie diese Leine gar nicht mehr, da sie nach den ersten 50 Metern ihren Radius kaum noch ausnutzt und einfach frei herumschnüffelt und hin- und herläuft, als hätte sie nichts um. Das sind nach wie vor für mich die Highlights, sie so glücklich und entspannt zu erleben. Hier muss ich allerdings noch die Einschränkung machen, dass das bisher nur der Fall ist, wenn ich dabei bleibe. Mit Arne alleine geht sie freiwillig noch nicht vom Hof, sondern bleibt immer wieder stehen und versucht auch rückwärts aus dem Geschirr zu entkommen. Das Ruffwear-Sicherheitsgeschirr ist da nach wie vor Gold wert.



Auch Hundebegegnungen sind deutlich lockerer geworden. Solange Dino, unser echter kleiner Terrierstinkstiefel, nicht dabei ist und Stimmung macht, interessieren sie fremde Hunde kaum noch. Selbst eine mit Schwung auf uns zukommende Bulldogge wurde vor kurzem überrascht aber kompetent begrüßt.


Schwierig sind nach wie vor Besuchssituationen, bei denen die Gruppe aufgeregt um Besucher herumläuft. Diese Situationen kann Tessi kaum überblicken und dreht dann schnell auf. Wir üben das weiter.  Was mich froh macht, ist, dass sie nicht versucht Besucher zu beißen, sondern dass sie sich immer total über Menschenbesuch freut.

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Auch bei öffentlichen Veranstaltungen hatten wir sie jetzt schon wieder häufiger dabei und sind stolz auf ihre Entwicklung.



Jetzt gerade liegt sie im Auto und schläft, unsere Übungseinheiten vom Anfang haben den großen positiven Nebeneffekt, dass sie unheimlich gerne mal zwischendurch eine kleine Auszeit im Auto verbringt, dort ein Kauteil kaut oder einfach nur schläft. Das sind dann die Zeiten, in denen ich mich hier vollkommen frei Staubsauger und ähnlichen Monstern widmen kann.


Kurz nach Tessis Ankunft vor gut einem Jahr habe ich gesagt, in zwei Jahren werden wir über die Anfangsschwierigkeiten lachen. Die Schätzung halte ich weiterhin aufrecht und bin guter Dinge, dass sie langfristig hier auch noch entspannter werden kann. Wir haben im Vorstand schon vor einiger Zeit beschlossen, keinen erneuten Vermittlungsversuch zu wagen, da Tessi a) Epileptikerin ist und b) ihre Sicherheit sehr fragil ist. Sie reagiert hoch sensibel schon auf kleinste Aggressionen ihr gegenüber (auch eine tolle Schulung für mich) und wir möchten da kein Risiko für sie oder andere Menschen eingehen.



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